Schau dich zuerst um
Worauf achten
- Die erhobene rechte Hand Ganymeds
- Der Adler neben der Figur
- Der Granitsockel
- Wölfflins Name und Verse von Goethe
Die Geschichte des Ortes
Am seeseitigen Rand des Bürkliplatzes steht „Ganymed“: Die rechte Hand des jungen Mannes ist zum Himmel erhoben, und der Adler sitzt neben ihm. Der Granitsockel steht nicht auf der alten natürlichen Uferlinie: Das Land unter dem Sockel gab es früher nicht. Innerhalb von fünf Jahren schütteten die Bauarbeiter am Ufer mehr als einundzwanzig Hektar Land auf, verbanden die Ufer durch eine Brücke und legten am Wasser einen Promenadenstreifen an. Der Platz nimmt einen Teil dieser Aufschüttung ein.
Der Bürkliplatz verbindet die Bahnhofstrasse mit dem Zürichsee. Von den Anlegestellen fahren Ausflugsschiffe ab, dienstags und freitags findet unter den Bäumen ein Lebensmittelmarkt statt, im Sommer samstags ein Flohmarkt. Für Handel, Feste und Umstiege ist hier genügend Platz, weil fast der gesamte Platz auf Land angelegt wurde, das dem See abgerungen worden war.
In den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wollte eine private Eisenbahngesellschaft Gleise am Ufer entlangführen und sie um das südliche Ende der Stadt zu einem Ring schließen. Die Zürcher nannten das Projekt den „Eisernen Ring“: Züge und Bahndämme hätten das Zentrum vom Wasser abgeschnitten. Der Stadtingenieur Arnold Bürkli, der sein Geld mit der Planung von Straßen, Brücken und der Wasserversorgung verdiente, schlug vor, die Eisenbahn in einen Tunnel zu verlegen und das dadurch frei werdende Ufer für Uferanlagen zu nutzen.
Zu einer Versammlung gegen den „Eisernen Ring“ kamen anderthalb- bis zweitausend Menschen. Danach erklärte sich die Eisenbahngesellschaft bereit, die Trasse zu ändern. Anschließend stimmten die Einwohner Zürichs und der benachbarten Gemeinden Enge und Riesbach dem Bau der Uferanlagen zu, und Bürkli übernahm die Leitung der Arbeiten. Innerhalb von fünf Jahren schütteten die Bauarbeiter mehr als einundzwanzig Hektar Land auf, verbanden die Ufer durch eine Brücke und legten am See einen Promenadenstreifen an. Der im Jahr achtzehnhundertsiebenundachtzig eröffnete Platz hieß zunächst Stadthausplatz – Platz beim Stadthaus. Im Jahr neunzehnhundertacht erhielt er den Namen des bereits verstorbenen Bürkli. Markt, Anlegestellen und Terrasse liegen auf Land, das infolge des von ihm vorgeschlagenen Projekts entstand.
Am seeseitigen Rand dieser Landfläche steht „Ganymed“. Seine Geschichte begann im Januar neunzehnhundertzweiundvierzig mit einem Brief. Heinrich Wölfflin, ein berühmter Kunsthistoriker und ehemaliger Professor der Universität Zürich, beschloss, der Stadt eine Skulptur zu schenken. Nach seinem Ausscheiden aus der Universität verzichtete er auf seine Professorenpension, solange er über eigenes Vermögen verfügte, und sicherte den Auftrag durch sein Testament ab. Wölfflin stellte dem Bildhauer Hermann Hubacher zwei Bedingungen: Die Figur sollte männlich sein – weibliche Figuren gab es in der Stadt seiner Ansicht nach bereits genug – und am See stehen, wobei der Blick von der Bahnhofstrasse aus berücksichtigt werden sollte. Das Motiv durfte Hubacher selbst wählen.
Wölfflin starb im Jahr neunzehnhundertfünfundvierzig und sah das fertige Werk nicht mehr. Hubacher wählte Ganymed, eine Gestalt der griechischen Mythologie. Der junge trojanische Prinz hütete Herden, als Zeus von seiner Schönheit bezaubert wurde, die Gestalt eines Adlers annahm und ihn in den Olymp entführte. Dort wurde Ganymed zum Mundschenk der Götter und zum Geliebten des Zeus.
Hubacher veränderte die entscheidende Geste dieser Geschichte. Sein Adler sitzt neben dem jungen Mann und trägt noch niemanden davon. Ganymed selbst hebt die rechte Hand zum Himmel, als bitte er darum, nach oben gebracht zu werden. Deshalb nannte der Künstler die Gruppe „Entführung in den Olymp“, obwohl er einen Augenblick darstellte, in dem sich der Held aus eigenem Willen dem bevorstehenden Flug entgegenstreckt.
Die Stadt weihte die Skulptur am zwanzigsten Juni neunzehnhundertzweiundfünfzig ein. Wölfflin hatte eine männliche Figur in Auftrag gegeben, Hubacher wählte den Mythos und änderte die entscheidende Geste nach eigenem Ermessen. Auf der Seitenfläche des Granitsockels ist neben Verszeilen aus Goethes „Ganymed“ der Name des Auftraggebers eingemeißelt. Der Auftraggeber starb sieben Jahre vor der Einweihung, blieb aber an genau jener Skulptur gegenwärtig, deren Aufstellung am See er testamentarisch verfügt hatte.
Praktisch vor Ort
Platz, Terrasse und Promenade sind rund um die Uhr zugänglich; für Schiffe, Märkte und Veranstaltungen gelten jeweils eigene Fahr- beziehungsweise Zeitpläne.
Geprüft: 27. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Die Skulptur befindet sich draußen und ist ohne gesonderten Besuch zugänglich. An den Anlegestellen kann es voll werden; deshalb lässt sich der Audioguide etwas abseits der Wege der einsteigenden Fahrgäste angenehmer anhören.
