Schau dich zuerst um
Worauf achten
- Fassade des Hauses Nr. 26
- Balkone über der Straße
- Fenster des dritten Stockwerks
Die Geschichte des Ortes
Die Balkone und Fenster des dritten Stockwerks stammen vom Umbau, den die Eigentümer des Hauses Ende des neunzehnten Jahrhunderts vornehmen ließen. Unter ihnen arbeitete die Konditorei Biały Sztral, und die oberen Stockwerke wurden als Wohnraum vermietet. Eine Wohnung bezog die Gesellschaft zur Unterstützung der Kriegsgeschädigten: Sie verteilte Lebensmittel und unterhielt Heime und Schulen. Seinen heutigen Namen erhielt das Haus später, als das Zimmer über der Konditorei mit dem Schicksal des litauischen Staates verbunden wurde.
Pilies gatvė bedeutet auf Litauisch „Burgstraße“. Die Straße entstand an der Straße, die von Süden zur Burg von Vilnius führte; über sie kamen Gesandte und fürstliche Gäste an. Das Haus mit der Nummer sechsundzwanzig ging viel später in die Geschichte ein, und die wichtigsten Ereignisse spielten sich nicht im Festsaal ab, sondern in einer Mietwohnung über einer Konditorei.
Im Jahr eintausendachthundertfünfundneunzig bauten Karl und Józefa Sztral das Haus um. Unten eröffnete die Konditorei Biały Sztral, oben vermieteten die Eigentümer Wohnungen. Eine davon im dritten Stock mietete im Jahr eintausendneunhundertfünfzehn die Litauische Gesellschaft zur Unterstützung der Kriegsgeschädigten. Ihre Mitarbeiter verteilten Lebensmittel, unterhielten Heime und Schulen und stellten zugleich Menschen Räume zur Verfügung, die versuchten, sich über die Zukunft Litauens zu verständigen. Deshalb tagte der Litauische Staatsrat gerade hier.
Der Staatsrat bestand aus zwanzig Mitgliedern, die im Herbst eintausendneunhundertsiebzehn von der Vilniuser Konferenz gewählt worden waren. Litauen stand damals unter deutscher Militärbesatzung. Der Vorsitzende des Staatsrats, Antanas Smetona, bemühte sich um die Anerkennung eines litauischen Staates und hielt ein Abkommen mit Deutschland für einen annehmbaren Preis. Im Dezember billigte die Mehrheit eine Erklärung, die nach der Ausrufung der Unabhängigkeit einen „festen und dauerhaften Bund“ mit Deutschland versprach.
Dagegen trat Steponas Kairys auf – ein Sozialdemokrat und Stadtingenieur, der vor dem Krieg den Ausbau der Wilnaer Kanalisation und Wasserversorgung geleitet hatte. Er verlangte, das Versprechen eines Bundes zu streichen: Der Staatsrat war ein vorläufiges Organ und konnte nach seiner Auffassung das künftige Land nicht im Voraus durch Militär-, Zoll- und Währungsabkommen binden. Die Staatsordnung und die Beziehungen zu den Nachbarn sollten die gewählten Einwohner bestimmen.
Kairys schlossen sich der Direktor des litauischen Gymnasiums, Mykolas Biržiška, sowie die Juristen Stanislovas Narutavičius und Jonas Vileišis an. Als die Mehrheit am sechsundzwanzigsten Januar eintausendneunhundertachtzehn erneut eine der deutschen Verwaltung genehme Formel annahm, verließen die vier den Staatsrat. Kairys setzte seinen Platz in dem einzigen litauischen Vertretungsorgan aufs Spiel, in das er gewählt worden war. Auch die verbliebenen sechzehn verloren: Ohne Sozialdemokraten und Demokraten fiel es ihnen schwerer, im Namen des ganzen Landes zu sprechen.
Am fünfzehnten Februar einigten sich die Seiten auf einen neuen Text. Am folgenden Tag versammelten sich zwanzig Menschen in einem Zimmer im dritten Stock. Sie proklamierten die Wiederherstellung eines unabhängigen Staates auf demokratischen Grundlagen mit Vilnius als Hauptstadt, lösten die früheren staatlichen Bindungen und hielten die Hauptforderung der ausgeschiedenen Vier fest: Die Grundlagen des Staates sollte endgültig die von allen Einwohnern gewählte Konstituierende Versammlung Litauens festlegen. Der Beschluss wurde einstimmig gefasst. Die Unterschriften machten die Mitglieder des Staatsrats zu Unterzeichnern – zu Menschen, die diesen Akt eigenhändig beglaubigt hatten.
Unmittelbare Freiheit brachte das Dokument nicht. Die deutsche Verwaltung beschlagnahmte die Auflage der Zeitung Lietuvos aidas mit seinem Text und berief sich weiterhin auf das Dezemberversprechen eines Bundes. Erst nach der Niederlage Deutschlands konnte der Staatsrat mit der Bildung einer Regierung beginnen. Im Frühjahr eintausendneunhundertzwanzig fanden allgemeine Wahlen statt, und am fünfzehnten Mai erklärte die Konstituierende Versammlung Litauens Litauen zur demokratischen Republik. Der Litauische Staatsrat übergab ihr seine Befugnisse – genau so, wie Kairys und seine drei Verbündeten in der Mietwohnung über der Konditorei darauf bestanden hatten.
Die Balkone an der Fassade entstanden noch unter den Sztrals, doch am sechzehnten Februar eintausendneunhundertachtzehn wurde der Akt nicht von den Balkonen aus verlesen: Die öffentliche Proklamation war verboten. Reden vom Balkon hielt man erst seit eintausendneunhundertachtundneunzig. Die Unterschriften wurden oben hinter den Fenstern des dritten Stockwerks gesetzt; wegen dieser zwanzig Unterschriften heißt das ehemalige Haus der Sztrals heute Haus der Unterzeichner.
Praktisch vor Ort
Die Fassade ist jederzeit zugänglich. Von Mai bis Oktober 2026 empfängt das Museum wegen der Vorbereitung einer neuen Ausstellung nur vorab registrierte Gruppen.
Geprüft: 24. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Die Geschichte der Unterzeichnung lässt sich am Haus anhören. Wenn Ihnen Museumsobjekte und Innenräume wichtig sind, klären Sie den Zugang im Voraus: Ein freier Eintritt ins Innere ist nicht garantiert.
