Schau dich zuerst um
Worauf achten
- Der geschwungene Steinbau
- Die ehemaligen Schießscharten
- Der Gedenkstein am Eingang
- Die beiden Zahlen auf dem Stein
Die Geschichte des Ortes
Entlang der geschwungenen steinernen Fassade verlaufen die früheren Schießscharten; dahinter liegen die gewölbten Kasematten. Das russische Militär errichtete hier eine Küstenbatterie: Fast zweihundert Geschütze sollten die Reede von Tallinn (historisch Reval) und den Zugang nach Sankt Petersburg unter Feuer halten. Der Name Patarei stammt vom estnischen Wort für „Batterie“. Als die Festung ihre militärische Funktion verlor, verwandelte man die Schießscharten in Fenster, nutzte die Kasematten zunächst als Kasernen und teilte sie später in Zellen des Zentralgefängnisses Patarei auf.
Am siebten Februar neunzehnhundertvierundvierzig war der sechzehnjährige Henri Seidenverger auf dem Weg zum Lyzeum im französischen Angoulême. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben, seinen Vater hatte man zwei Jahre zuvor bei einer Razzia weggebracht, und Henri lebte bei einem älteren Bekannten der Familie. Deutsche Polizisten hielten den Jugendlichen auf der Straße fest. Um festzustellen, ob er Jude war, zwangen sie ihn, sich auszuziehen. Henri durfte nicht mehr nach Hause.
Nach den Lagern in Poitiers und Drancy nahm man ihn in Konvoi Nummer dreiundsiebzig auf. Am fünfzehnten Mai verluden SS-Männer achthundertachtundsiebzig jüdische Männer in Güterwaggons. Henri glaubte, man schicke sie zu Bauarbeiten. Drei Tage später koppelte man in Kaunas Waggons mit etwa sechshundert Gefangenen vom Zug ab. Die fünf übrigen Waggons wurden weitertransportiert. Dies war der einzige Zug mit aus Frankreich Deportierten, der in die Baltischen Staaten geleitet wurde; warum man für ihn diese Route wählte, haben Historiker bis heute nicht festgestellt.
Am zwanzigsten Mai brachte man etwa dreihundert Männer nach Patarei. Der Komplex diente bereits seit einem Vierteljahrhundert als Zentralgefängnis Patarei, doch errichtet hatte man ihn für Geschütze. Kaiser Nikolai I. wollte den Seeweg nach Sankt Petersburg schützen und befahl im Jahr achtzehnhundertsiebenundzwanzig, an der Reede von Tallinn (historisch Reval) eine Festung zu bauen. Im Inneren des geschwungenen Steinbaus richtete man gewölbte Kasematten ein, außen brach man Schießscharten für fast zweihundert Geschütze durch. Der Name Patarei geht auf die Artilleriebatterie zurück: Auf Estnisch bedeutet „patarei“ „Batterie“.
Die Festung war veraltet, ohne je einer großen Schlacht standgehalten zu haben. Im Jahr achtzehnhundertachtundfünfzig strich das Militär Tallinn (historisch Reval) von der Liste der Landfestungen, verwandelte die Schießscharten in Fenster und richtete hier Kasernen ein. Nach den Bränden des Jahres neunzehnhundertsiebzehn hatte die Stadt zwei ihrer früheren Gefängnisse verloren. Das Justizministerium der jungen Republik Estland wählte die frei gewordene Kaserne: Die fast zwei Meter dicken Mauern erforderten keine besondere Verstärkung mehr. Die Bauarbeiter fügten Trennwände, eiserne Tore und doppelte Gitter hinzu. Im Jahr neunzehnhundertzwanzig wurden die Kasematten zu Zellen.
Die deutsche Besatzungsverwaltung erhielt einen fertigen Ort für Gefangene und die Zuteilung von Zwangsarbeitern. Henri verbrachte darin etwa zehn Tage, dann verlegte man ihn in ein Patarei unterstelltes Lager in Lasnamäe. Dort setzte er gemeinsam mit anderen Häftlingen nach Bombardierungen die Start- und Landebahnen eines Militärflugplatzes instand. Als die Front sich Tallinn (historisch Reval) näherte, evakuierte die Gefängnisleitung sowohl Patarei als auch seine Außenstelle. Am ersten September waren von etwa dreihundert französischen Juden, die im Frühjahr hierher gekommen waren, noch vierunddreißig Menschen für den Abtransport nach Stutthof übrig.
Henri wurde gezwungen, Bäume zu fällen, und anschließend trieb man ihn im Schnee auf einen Todesmarsch. Im März neunzehnhundertfünfundvierzig brach er erschöpft zusammen und weigerte sich, die Baracke zu verlassen. Die Wachleute gingen fort und ließen ihn liegen. Als Henri wieder zu Bewusstsein kam, stand ein Offizier der Roten Armee neben ihm. Zweiundzwanzig Menschen aus dem gesamten Konvoi kehrten nach Frankreich zurück. Dort erfuhr Henri, dass niemand aus seiner Familie mehr am Leben war.
Am Eingang zu Patarei steht ein Gedenkstein. Auf ihm sind zwei Zahlen aus dieser Geschichte vermerkt: achthundertachtundsiebzig Deportierte und zweiundzwanzig Rückkehrer. Henri Seidenverger war einer von ihnen.
Praktisch vor Ort
Der Ausstellungsbereich ist wegen Umbauarbeiten geschlossen; die offizielle Website meldet eine Wiedereröffnung im Jahr 2027. Eine Besichtigung ist nur von außen, von den öffentlichen Wegen am Ufer aus, möglich.
Geprüft: 30. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Rechnen Sie nicht ohne vorherige Prüfung des offiziellen Zugangs mit einem Eintritt. Die Erzählung lässt sich vollständig von außen anhören, ohne zu versuchen, hinter die Absperrungen zu gelangen.
