Schau dich zuerst um
Worauf achten
- Gotische Fassade
- Türmchen der Fassade
- Fenster des obersten Stockwerks
Die Geschichte des Ortes
Im obersten Stockwerk des Rathauses von Brügge tagt einmal im Monat der Stadtrat von Brügge. Im Mittelalter waren seine Vorgänger die Schöffen – Amtsträger, die zugleich die Stadt regierten und Recht sprachen. Nach einem Brand des Belfrieds von Brügge zogen sie in das hier stehende gräfliche Gefängnis. Im Jahr eintausenddreihundertsechsundsiebzig ließ Graf Ludwig von Male es abreißen und legte den Grundstein des heutigen Gebäudes. Das Rathaus wurde im Jahr eintausendvierhunderteinundzwanzig vollendet.
Am siebenundzwanzigsten Juli eintausendneunhundertsechzehn sprachen hier bereits deutsche Marineoffiziere Recht. Das besetzte Brügge war zum Zentrum der deutschen Marinezone in Flandern geworden, und das Militärtribunal nahm das Rathaus der Stadt ein. Vor ihm stand Charles Algernon Fryatt, Kapitän des zivilen Dampfschiffs „Brussels“.
Fryatt arbeitete für die Eisenbahngesellschaft „Great Eastern Railway“ und führte Schiffe zwischen England und Holland. Mit seinem Kapitänsgehalt unterhielt er seine Frau Ethel und sieben Kinder. Am achtundzwanzigsten März eintausendneunhundertfünfzehn tauchte das deutsche U-Boot „U-dreiunddreißig“ vor der „Brussels“ auf und befahl ihr anzuhalten. Britische Anweisungen schrieben Handelskapitänen vor, sich nicht zu ergeben: Wenn ein U-Boot direkt voraus lag, sollten sie mit voller Fahrt darauf zuhalten und es zum Tauchen zwingen. Fryatt drehte den Bug des Dampfschiffs zur U-Boot. Es schaffte es noch zu tauchen; zu keinem Zusammenstoß kam es, und die „Brussels“ entkam.
Die Admiralität zeichnete den Kapitän mit einer goldenen Uhr aus. Diese Auszeichnung machte die gelungene Rettung des Schiffs zu einem Beweismittel. Ein Jahr später eroberten mehrere deutsche Zerstörer die „Brussels“, und Fryatt wurde in ein Lager in Deutschland gebracht und anschließend zur Verhandlung nach Brügge zurückgeführt. Die Uhr selbst hatte er nicht bei sich – der Kapitän hatte sie zu Hause gelassen –, doch den Anklägern lag das offizielle Lob der Admiralität vor.
Das Tribunal erklärte Fryatt zum Franktireur, also zu einem Zivilisten, der eigenmächtig an Kampfhandlungen teilnimmt und deshalb nicht den Schutz eines Kriegsgefangenen genießt. Die Verteidiger des Kapitäns bestanden darauf, dass er eine Regierungsanweisung befolgt und das Schiff gerettet habe. Das Verfahren wurde auf Deutsch geführt und dauerte eine oder zwei Stunden. Fryatt wurde zum Erschießen verurteilt; der deutsche Kaiser Wilhelm II. bestätigte das Urteil.
Mehrere Brügger Schöffen wurden dringend als Zeugen der Hinrichtung herbeigerufen. Noch am selben Abend erschoss man den Kapitän an der Mauer des Aurorahofs nahe dem Kreipoort-Tor. Am nächsten Tag sahen die Einwohner Plakate auf Deutsch, Niederländisch und Französisch: Das deutsche Kommando teilte mit, der Versuch, das U-Boot zu versenken, sei gerächt worden. Die britische Regierung bezeichnete das Geschehen als Justizmord; die deutsche Seite hielt das Urteil weiterhin für rechtmäßig.
Im Jahr eintausendneunhundertneunzehn wurden Fryatts sterbliche Überreste aus Brügge überführt. Nach einer Trauerfeier in der St Paul’s Cathedral in London wurde er in Dovercourt beigesetzt, wo seine Familie lebte. Die Eisenbahngesellschaft und der Staat bewilligten Ethel Fryatt Renten, und zwei Kindern boten sie an, ihre Ausbildung zu bezahlen.
Heute tagen im Rathaus von Brügge wieder Stadträte und registrieren Eheschließungen. Der Name des Mannes, der unter diesem Dach wegen eines einzigen Manövers in der Nordsee verurteilt wurde, ist auf der Karte von Brügge geblieben: Beim Hafen von Zeebrugge gibt es die Kapitein Fryattstraat.
Praktisch vor Ort
Das Stadhuis ist nach dem Museumskalender von Musea Brugge geöffnet; prüfen Sie Öffnungszeiten, Tickets und Schließungen.
Geprüft: 28. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Von außen ist das Hauptthema dieser Station sichtbar; die Fresken und Museumswerke sind nur bei einem gesonderten Besuch zugänglich.
