Schau dich zuerst um
Worauf achten
- Den steilen Hang des Hügels, Grabungsbereiche, Steinmauern auf unterschiedlichen Höhen und Eingänge zu unterirdischen Räumen.
Die Geschichte des Ortes
Dieser steile Hang war der Ort einer alten Stadt. Steinmauern treten in unterschiedlicher Höhe an die Oberfläche, und im Boden öffnen sich Durchgänge des alten Wassersystems, zu dem der Warren-Schacht gehörte. Hier riss man alte Häuser ab und errichtete neue, wobei man den bisherigen Stein verwendete; zugeschüttete Böden wurden zum Fundament des nächsten Baus. Daher fügt sich der Hang nicht zu einem einzigen erhaltenen Viertel zusammen: In einzelnen Fragmenten sind mehrere Städte sichtbar, die hier übereinander standen.
Hinter der Stadtmauer beginnt ein Hügel, den man seit anderthalb Jahrhunderten mit besonderer Eindringlichkeit befragt. Im Boden sucht man hier nicht einfach Mauern, Scherben und Stufen. Man verlangt von ihm eine Antwort auf die Frage, mit der die Geschichte Jerusalems als Hauptstadt beginnt: Wie gelangte die Stadt in die Hand König Davids?
Im Zweiten Buch Samuel steht an dieser Stelle Jebus – eine Festung, die so sehr auf sich selbst vertraut, dass ihre Verteidiger David verspotten. Sie sagen gewissermaßen: Hier wirst du nicht hineinkommen, selbst Blinde und Lahme werden uns festhalten. Dann erscheint in der Erzählung ein rätselhaftes Wort: „Zinnor“. Durch diesen „Zinnor“ sollen Davids Männer die Stadt erreichen. Was genau es bedeutet, erklärt der Text nicht.
Ein einziges unverständliches Wort genügte, damit eine großartige Szene entstand. Später machte man aus dem „Zinnor“ einen geheimen Wasserweg. Nach einer verbreiteten Überlieferung drang der Krieger Ioav als Erster durch den unterirdischen Weg vor, stieg zur Quelle hinauf und öffnete David das uneinnehmbare Jerusalem von innen. In dieser Fassung ist alles vollkommen angeordnet: stolze Verteidiger auf den Mauern, ein dunkler Durchlass unter der Erde, Wasser, Stein, ein mutiger Krieger und Tore, die sich vor dem künftigen König öffnen.
Sogar eine passende Kulisse fand sich für die Legende: der Warren-Schacht, ein Teil des alten Wasserversorgungssystems des Hügels. Er sah genau so aus, wie ein vergessener Eingang in eine Festung aussehen musste. Man brauchte nur das biblische Wort mit dem archäologischen Bauwerk zu verbinden, und schon ergab sich ein beinahe fertiges Szenario eines Sturms.
Nur mag die Archäologie keine perfekten Szenarien. Bis heute sind sich Fachleute nicht einig, ob der Warren-Schacht jener „Zinnor“ war und ob es überhaupt möglich gewesen wäre, die Stadt auf diese Weise einzunehmen. Der alte Text bleibt knapp, der Stein schweigsam, und zwischen beiden findet ein ganzes Abenteuer Platz. So überdauerte ein einziger verschwommener Satz die Jahrhunderte und wurde zu einem geheimen Tunnel, durch den Ioav immer wieder nach Jerusalem eindringt – zumindest in der Vorstellung der Erzähler.
Diese Fähigkeit des Hügels, eine Vermutung in eine beinahe greifbare Geschichte zu verwandeln, führte eines Tages einen Mann hierher, als sei er den Seiten eines Romans entstiegen. Im Jahr neunzehnhundertneun erschien der britische Aristokrat Montagu Parker in Jerusalem. Ihn interessierte weniger die langsame Wissenschaft als ein Schatz, neben dem gewöhnliche archäologische Funde verblassten.
Der schwedische Finne Valter Juvelius versicherte, er habe einen verborgenen biblischen Code entschlüsselt. Seinen Berechnungen zufolge befanden sich irgendwo unter Jerusalem Tempelschätze – und vielleicht die Bundeslade selbst. Parker glaubte ihm. Er sammelte Geld, ein Team und Ausrüstung und begann auf dem Hügel der Davidsstadt zu graben. Keine Bundeslade kam zum Vorschein. Auch kein Gold. Dafür wuchs jene besondere Ungeduld, die Schatzsucher erfasst, wenn sie meinen, bis zum Glück sei nur noch eine einzige Biegung übrig.
Die Expedition arbeitete mehrere Saisons lang. Parker suchte Wege unter der Erde, räumte alte Durchgänge frei und geriet immer tiefer in seine eigene Geschichte von einem verborgenen Heiligtum. Schließlich verlagerten sich die Nachforschungen an einen Ort, an dem jeder Fehler zur Katastrophe werden konnte: auf den Tempelberg. Im Jahr neunzehnhundertelf begann das Team geheime Nachtarbeiten an der heiligen Stätte.
So etwas ließ sich in Jerusalem nicht verbergen. In der Stadt verbreitete sich das Gerücht, Fremde seien auf den Tempelberg eingedrungen und versuchten, seine Schätze zu rauben. Unruhen begannen. Parker und seine Begleiter reisten hastig ab, ohne die Bundeslade oder königliches Gold gefunden zu haben. In der britischen Presse wirkte diese Geschichte beinahe wie eine Komödie über reiche Abenteurer, die an einen Code glaubten und ohne Schatz flohen. Hier erinnerte man sich anders an sie: als Mahnung daran, dass ein Mensch mit einer Schaufel sich Forscher nennen und sich doch wie ein Jäger nach einem fremden Heiligtum verhalten kann.
Ein halbes Jahrhundert später kam eine ganz andere Britin auf denselben Hügel: Kathleen Kenyon. Sie arbeitete von neunzehnhunderteinundsechzig bis neunzehnhundertsiebenundsechzig in der Davidsstadt und tat geradezu absichtlich alles anders als Parker. Kein versprochener Schatz, keine effektvolle Lösung. Statt einer großflächigen Freilegung: schmale Grabungsschnitte. Statt der Jagd nach einem einzigen großen Gegenstand: eine sorgfältige Aufzeichnung, wie jede Erdschicht liegt.
Eine Stadt auf einem solchen Hügel gleicht nicht einem Buch mit ordentlich nummerierten Seiten, sondern einer Handschrift, die unzählige Male ausradiert und über den alten Text geschrieben wurde. Ein Haus wurde zerstört, auf seinen Steinen ein anderes errichtet; einen Boden schüttete man zu, ebnete ihn ein und verwandelte ihn in das Fundament der nächsten Epoche. Geht man zu schnell vor, vermischen sich mehrere Jahrhunderte zu einem einzigen Haufen. Kenyon arbeitete langsam und ließ zwischen den Grabungen Erdstreifen stehen, damit die Abfolge der Schichten erhalten blieb.
Ihre Kollegen waren bisweilen gereizt. Von außen glich ihre Grabungsfläche einem Schachbrett: schmale Gruben, Trennwände, Stücke nicht freigelegter Erde. Denjenigen, die einen ganzen Palast oder eine eindrucksvolle Festungsmauer sehen wollten, erschien diese Methode quälend vorsichtig. Doch gerade diese Vorsicht ermöglichte es, eine Stadt von der anderen zu unterscheiden – nicht anhand einer schönen Vermutung, sondern anhand der Lage von Keramik, Stein und Erde.
Der Krieg von neunzehnhundertsiebenundsechzig unterbrach Kenyons Arbeit. Sie beendete nicht alle Streitfragen und verwandelte den Hügel nicht in eine endgültig gelesene Chronik. Vielmehr hinterließ sie eine Regel: Je lauter ein Fund verspricht, eine bekannte Geschichte zu bestätigen, desto aufmerksamer muss man auf die Erde um ihn herum schauen.
Darum hat dieser Ort zwei sehr unterschiedliche Helden. Parker stieg wegen einer einzigen großen Sensation unter die Erde und löste beinahe eine Katastrophe aus. Kenyon trug Schicht um Schicht ab und nahm in Kauf, dass die Antwort unvollständig bleiben würde. Und zwischen ihnen lebt Ioav weiter, der angeblich durch einen geheimen Wasserweg hinaufsteigt. Der Hügel entscheidet sich nicht für eine Fassung. Er bewahrt sowohl das biblische Rätsel als auch das Abenteuer eines Schatzsuchers und das strenge Raster einer Archäologin – drei Wege, den Stein zum Sprechen zu bringen, und drei völlig verschiedene Antworten auf die Frage, was ein Mensch hier eigentlich zu finden hofft.
Praktisch vor Ort
Kassenbereich der Davidsstadt. Laut der offiziellen Parkseite, überprüft am 2026-06-30: Sonntag—Donnerstag 8:00—17:00, Freitag 8:00—14:00; der Zugang zum Wassersystem schließt eineinhalb Stunden vor Schließung. Feiertage, Sicherheitslage und archäologische Arbeiten prüfen Sie vor dem Aufbruch auf der Ticketseite.
Geprüft: 30. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Erkundigen Sie sich hier, welche unterirdischen Bereiche am Tag Ihres Besuchs zugänglich sind, und wählen Sie die nasse oder trockene Variante im Voraus. Verlassen Sie zwischen den Grabungen nicht die markierten Wege.
