Schau dich zuerst um
Worauf achten
- Wasser, das zwischen den Felsen hervortritt, enge steinerne Durchgänge, Höhenunterschiede und senkrechte Teile des Wassersystems.
Die Geschichte des Ortes
Rund um die Gihon-Quelle umgeben enge steinerne Durchgänge, Tunnel und Schächte mit Höhenunterschieden die Quelle. Sie wurden angelegt, um zum Wasser zu gelangen, wo es gefährlich sein konnte, die Befestigungen zu verlassen: Während einer Belagerung hing davon ab, ob die Bewohner ihre Gefäße füllen und nach Hause zurückkehren konnten. Über Jahrhunderte stieg man mit Krügen zum Wasser hinab, spülte hier Stoff aus, wartete in der Reihe und tauschte Neuigkeiten aus. Später nannten Pilger sie den Jungfrauenbrunnen, und die Überlieferung verband diesen Namen mit Maria, die die Windeln des Jesuskindes wusch.
An der Gihon-Quelle verhält sich das Wasser fast wie ein Lebewesen. Es tritt nicht als ruhiger, gleichmäßiger Strom aus dem Stein, sondern pulsiert: Mal steigt es an, mal zieht es sich zurück. Sogar den Namen der Quelle bringt man mit dem Brodeln in Verbindung, mit Wasser, das gleichsam nach außen drängt. Für die antike Stadt war dies kein malerischer Winkel und keine angenehme Ergänzung der Landschaft. Die Gihon-Quelle war der Grund, warum die Stadt hier überhaupt bestehen konnte, und zugleich ihre verwundbarste Stelle.
Eine Festungsmauer kann man höher machen. Ein Tor dicker. Einen Hang unzugänglicher. Doch der Mensch muss trotzdem hinabsteigen, um Wasser zu holen. Und wenn die Quelle außerhalb der Befestigungen liegt, genügt es dem Feind, den Weg dorthin abzuschneiden. Deshalb bewahrt der Stein um die Gihon-Quelle Spuren derselben Sorge: Wie gelangt man zum Wasser, ohne unter Pfeilen zu geraten? Mauern, Abstiege, Tunnel und Schächte entstanden hier nicht aus Liebe zu komplizierten Ingenieurbauten. Alles begann mit einem einfachen Gefäß, das gefüllt und nach Hause gebracht werden musste.
Doch einmal entschied sich an diesem Wasser nicht nur das Schicksal einer belagerten Stadt. Hier entschied sich, wer König werden sollte.
David ist zu diesem Zeitpunkt bereits alt und gebrechlich. Am Hof verstehen alle: Die Macht wird bald auf einen seiner Söhne übergehen, doch auf welchen genau, ist noch nicht entschieden. Adonia handelt als Erster. Er sammelt Anhänger, veranstaltet ein Festmahl und erklärt sich faktisch zum neuen König. Alles wirkt beinahe vollendet: Opfertiere, Gäste, Lärm der Festtafel, Menschen, die bereits mit ihrem Platz beim neuen Herrscher rechnen.
Dann kommen der Prophet Nafan und Virsavia zu David. Sie überzeugen ihn, dass er nicht länger zögern darf. David gibt den Befehl: Seinen anderen Sohn, Solomon, setzt man auf das königliche Maultier und führt ihn hinab zur Gihon-Quelle. An diesem Abstieg ist nichts zufällig. Das königliche Maultier zeigt, dass Solomon nach dem Willen Davids handelt. Die Quelle bietet einen Ort für eine öffentliche Zeremonie. Und der Priester Sadok bringt Öl und salbt Solomon zum König.
Ein Horn ertönt. Die Menge ruft: „Es lebe König Solomon!“ Die Rufe steigen von der Quelle zur Stadt empor, und nach dem biblischen Bericht scheint die Erde vom gemeinsamen Lärm zu bersten.
Beim anderen Festmahl wird noch gegessen und gefeiert. Adonia und seine Gäste hören das ferne Getöse, verstehen aber nicht sofort, was geschehen ist. Dann trifft die Nachricht ein: David hat Solomon bereits zum König gemacht. Und das Festmahl verwandelt sich augenblicklich in eine Versammlung von Menschen, für die es gefährlich ist, zusammenzubleiben. Die Gäste laufen auseinander. Noch vor wenigen Minuten saßen sie neben dem künftigen Herrscher, und nun versucht jeder zu zeigen, dass er beinahe zufällig hierhergeraten ist.
Adonia selbst sucht Schutz am Altar. Er klammert sich an dessen vorspringende Hörner und hofft, dass die Heiligkeit des Ortes ihm Unantastbarkeit verleiht. So wird die Quelle zur Bühne eines beinahe höfischen Staatsstreichs, nur dass sich hier statt geschlossener Gemächer ein offener Raum, Wasser und eine riesige Menge befinden. Dem einen Bruder bereitete man das Königtum an der Festtafel vor, den anderen machte man an der Quelle zum König – und es siegte derjenige, dessen Name in der Stadt lauter erklang.
In dieser Szene verbinden sich auf erstaunliche Weise zwei Flüssigkeiten: das Wasser der Gihon-Quelle, von dem das Leben der Stadt abhängt, und das Salböl, das einen Königssohn in einen König verwandelt. Das Wasser selbst wählt keinen Herrscher. Doch ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und auf den niemand verzichten kann, wird leicht zu einem politischen Zentrum. Um eine neue Herrschaft auszurufen, braucht man nicht nur eine Krone. Man braucht einen Raum, den die ganze Stadt kennt.
Bei christlichen Pilgern erhielt die Gihon-Quelle eine ganz andere Geschichte und einen anderen Namen – den Jungfrauenbrunnen oder Marias Brunnen. Der Überlieferung nach wusch Maria hier die Windeln des Jesuskindes. Die historische Glaubwürdigkeit dieser Legende lässt sich nicht beweisen, und die Tradition versucht das auch nicht. Sie bevölkert die alte Quelle einfach mit vertrautem häuslichem Leben.
Über Jahrhunderte trafen sich Frauen am Wasser. Hier füllte man Krüge, spülte Stoff aus, tauschte Neuigkeiten aus und wartete, bis man an der Reihe war. Der Stein mochte sich an die königliche Salbung erinnern, doch für die meisten Bewohner war die Quelle ein Ort schwerer und endlos wiederkehrender Arbeit. Die Pilgerlegende heiligte gerade diesen Alltag: nicht den Thron, nicht die Schlacht, nicht eine wundersame Erscheinung, sondern eine Mutter, Wasser und Kinderwindeln. Das Plätschern blieb dasselbe, doch neben den Königen erschien in der Erinnerung des Ortes eine fremde Familie.
Die Gihon-Quelle hat noch einen weiteren Helden – einen Mann aus dem viktorianischen Zeitalter mit Seilen, Lampen und einer Leidenschaft für unterirdische Rätsel. Im Jahr eintausendachthundertsiebenundsechzig erforschte der britische Militäringenieur Charles Warren die hiesigen Wasserwege. Das von ihm entdeckte System nannte man später Warren-Schacht.
Sein eindrucksvollster Teil ist ein beinahe senkrechter natürlicher Schacht. Lange Zeit nahm man an, die Bewohner der befestigten Stadt hätten, ohne nach draußen zu gehen, durch einen unterirdischen Gang zu diesem Schacht gelangen und ein Gefäß an einem Seil zum Wasser hinablassen können. So entstand das ideale Bild einer geheimen Wasserversorgung: Oben umzingelt der Feind die Mauern, während in der Dunkelheit unter der Stadt ein Krug langsam zur Quelle hinabgelassen wird.
Spätere Forschungen machten dieses Bild weniger eindeutig. Archäologen streiten darüber, wann genau das System genutzt zu werden begann und ob der Schacht tatsächlich so diente, wie man früher annahm. Unterirdische Anlagen bewahren selten eine verständliche Anleitung. Man baut sie um, erweitert sie, passt sie neu an, und eine Epoche hinterlässt ihre Spuren über denen einer anderen.
Doch die menschliche Bedeutung verschwindet dadurch nicht. Während einer Belagerung misst man Wasser nicht in Tunneln und nicht in technischen Plänen. Man misst es am Gewicht eines vollen Gefäßes, an der Länge eines Seils und an der Angst, dass es beim nächsten Mal nichts mehr geben wird, das man heraufziehen kann.
Deshalb erzählt die Gihon-Quelle mit demselben Klang gleich mehrere Geschichten. Für den Königshof ist es der Klang einer neuen Herrschaft. Für den Pilger ein Echo einer heiligen Familienüberlieferung. Für den Ingenieur ein Schlüssel zum Aufbau der antiken Stadt. Und für ihre Bewohner war Wasser einfach das, ohne das der nächste Tag nicht anbrechen würde. Könige stritten um den Thron, Forscher um die Funktion des Schachts, Legenden wechselten die Namen. Die Quelle pulsierte weiter unter dem Stein und erinnerte die Stadt immer wieder daran, wovon ihr Leben tatsächlich abhängt.
Praktisch vor Ort
Ticketbereich der Davidsstadt. Laut der offiziellen Parkseite, geprüft am 2026-06-30: Sonntag—Donnerstag 8:00—17:00, Freitag 8:00—14:00; der Zugang zum Wassersystem schließt eineinhalb Stunden vor Schließung. Feiertage, Sicherheitslage und archäologische Arbeiten prüfen Sie vor dem Aufbruch auf der Ticketseite.
Geprüft: 30. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Bewegen Sie sich auf nassem Stein langsam und halten Sie die Hände frei. Entscheiden Sie vor dem weiteren Eingang endgültig, ob Sie für einen längeren Weg durch Wasser und Dunkelheit bereit sind.
