Schau dich zuerst um
Worauf achten
- „Madonna mit Kanonikus Joris van der Paele“
- Eichenholzrahmen mit Inschriften
- Brille in der Hand des Kanonikus
- Geschwollene Finger des Auftraggebers
Die Geschichte des Ortes
Das Groeningemuseum bewahrt die städtische Sammlung früher niederländischer Malerei. Bevor sie eigene Säle erhielt, waren die Bilder im Zunfthaus, in einer Schule und in einer ehemaligen Kapelle untergebracht; darunter befindet sich eine Tafel aus Eichenholz in einem Eichenholzrahmen mit Inschriften. Das Gelände gehörte der Eekhout-Abtei, doch nach ihrer Aufhebung durch die französische Verwaltung wurden die Bauten abgetragen, und oberirdisch ist von der Abtei nichts erhalten. Der Name des Museums stammt vom alten Stadtviertel Groeninge, das man mit einem Eichenhain in Verbindung bringt.
Das Hauptbild des Groeningemuseum hatte einen Auftraggeber, der sein eigenes Totengedenken im Voraus bezahlte. Joris van der Paele diente als Kanonikus der St.-Donatian-Kirche – als Mitglied ihres geistlichen Kapitels, der Einkünfte aus ihm zugewiesenen kirchlichen Ämtern bezog. Vor seiner Rückkehr nach Brügge arbeitete er in der päpstlichen Kanzlei und hatte ein Vermögen angehäuft. Im Jahr eintausendvierhundertvierunddreißig erlaubte seine Gesundheit ihm bereits nicht mehr, seine Pflichten zu erfüllen.
Van der Paele verfügte die Gründung einer Kaplanei an der Kirche: Er übertrug Geld und Besitz, und die Priester sollten dreimal in der Woche für das Heil seiner Seele zelebrieren, darunter eine Totenmesse. Nach seinem Tod sollten Bußgebete gesprochen und das Grab mit Weihwasser besprengt werden. Für den Altar bestellte der Kanonikus bei Jan van Eyck ein großes Bild auf einer Eichenholztafel.
Van Eyck stellte den Auftraggeber ohne postume Beschönigung dar. Der Kanonikus hat schwere Lider, ein zerfurchtes Gesicht und geschwollene Finger; in der einen Hand hält er ein Gebetbuch, in der anderen eine Brille. Neben ihm stellt der heilige Georg ihn der Madonna mit Kind vor, und der heilige Donatian erinnert daran, für welche Kirche das Werk bestimmt war. Auf dem erhaltenen Rahmen schrieb der Künstler den Namen des Auftraggebers, seinen eigenen Namen und das, wofür bezahlt worden war. Van der Paele starb im Jahr eintausendvierhundertdreiundvierzig. Man begrub ihn bei diesem Altar, und die bezahlten Gottesdienste wurden weiter über seinem Grab abgehalten.
Im Jahr eintausendsiebenhundertvierundneunzig besetzten französische Truppen die Südlichen Niederlande. Von der republikanischen Verwaltung entsandte Kommissare nahmen in Kirchen und öffentlichen Gebäuden etwa zweihundert Werke der flämischen Schule an sich. Zusammen mit Bildern von Hans Memling und Gerard David schickte man auch die „Madonna mit Kanonikus Joris van der Paele“ nach Paris. Dort stellte man sie im Louvre aus. Die St.-Donatian-Kirche wurde bald darauf abgetragen; sowohl die Kapelle des Auftraggebers als auch sein Grab verschwanden.
Um die Rückkehr der Brügger Bilder kümmerte sich Joseph-Denis Odevaere, ein Künstler aus Brügge, dem man im Jahr eintausendachthundertfünfzehn den Auftrag gab, die ausgeführten Werke aufzuspüren. Er kannte die Pariser Kunstszene gut: Er hatte dort studiert, den Prix de Rome erhalten, Aufträge für den napoleonischen Hof ausgeführt und war von Napoleon selbst ausgezeichnet worden. Nach Napoleons Sturz wurde Odevaere Hofmaler des niederländischen Königs Willem des Ersten und nutzte seine neue Stellung für Verhandlungen über die Rückgabe.
Im Jahr eintausendachthundertsechzehn brachte man die „Madonna“ zurück. Der Stadtrat zeichnete Odevaere mit einer Goldmedaille aus, doch die frühere Bestimmung des Bildes ließ sich nicht wiederherstellen: Altar und Kirche existierten bereits nicht mehr. Mitarbeiter der Brügger Akademie der Künste nahmen die Tafel in ihre Sammlung auf. Danach brachte man die städtischen Bilder von einem umfunktionierten Raum in den nächsten: Man zeigte sie im Zunfthaus der Bürger, in einer Schule und in einer ehemaligen Kapelle.
Der Forscher James Weale stellte im Jahr eintausendachthunderteinundsechzig einen wissenschaftlichen Katalog des Akademiemuseums zusammen. Anhand von Archivdokumenten stellte er die Namen vergessener Künstler wieder her, darunter Gerard David und Jan Provoost, und präzisierte die Angaben zu Van Eyck und Memling. Mitglieder der Akademie begegneten der Arbeit des englischen Besuchers kühl, doch Weale veröffentlichte seine Funde weiterhin. Als man im Jahr eintausendneunhundertzwei eine große Ausstellung früher niederländischer Malerei vorbereitete, schrieb er den Katalog für ihre Gemäldeabteilung.
Die Ausstellung sollte in Brüssel stattfinden, doch Brügge weigerte sich, viele seiner Werke dorthin abzugeben. Die Organisatoren mussten das Projekt in den Brügger Provinzialhof verlegen. Dort versammelte man fast vierhundert Bilder; innerhalb weniger Monate sahen sie mehr als fünfunddreißigtausend Menschen. Nach der Ausstellung gründeten die Bürger eine Gesellschaft der Museumsfreunde, setzten sich für ein dauerhaftes Gebäude ein und halfen beim Ankauf neuer Werke.
Im Jahr eintausendneunhundertdreißig eröffnete die Stadt das Groeningemuseum nach einem Entwurf des Architekten Jozef Viérin und vereinte die verstreute Sammlung erstmals in eigens errichteten Sälen. Für das Gebäude wählte man das Gelände der Eekhout-Abtei. Die französische Verwaltung hob diese Gemeinschaft im Jahr eintausendsiebenhundertsechsundneunzig auf, woraufhin Menschen begannen, ihre Bauten abzutragen. Oberirdisch blieb von der Abtei hier nichts erhalten.
Den Namen erhielt das Museum vom alten Stadtviertel Groeninge, das bereits um das Jahr eintausendzweihundert erwähnt wurde; man bringt es mit einem Eichenhain in Verbindung, der einst diesen Teil von Brügge einnahm. Der Hain verschwand, ebenso wie die Abtei und die St.-Donatian-Kirche. Im Museum kniet Van der Paele noch immer in einem Rahmen mit seinem eigenen Namen – vor einem Altar, den es nicht mehr gibt.
Praktisch vor Ort
1 Apr.-2 Nov.: 10:00-18:00; 3 Nov.-31 März: 09:30-17:00; montags geschlossen, mit Ausnahmen an Feiertagen.
Geprüft: 28. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Für einen gehaltvollen Halt ist der Museumseintritt nötig; prüfen Sie vor dem Besuch die Zugänglichkeit bestimmter Säle und Werke. Versuchen Sie nicht, die ganze Sammlung zu erfassen: Die Erzählung ist um einige wenige Werke aufgebaut.
