Schau dich zuerst um
Worauf achten
- Die gläserne Kuppel des Reichstagsgebäudes
- Die Westfassade mit Mittelportikus
- Die Fenster über dem Platz
- Das Schild „Platz der Republik“
Die Geschichte des Ortes
Die gläserne Kuppel erhebt sich über dem Plenarsaal des Deutschen Bundestages, und die Westfassade des Reichstagsgebäudes öffnet sich zum Platz hin durch den Mittelportikus. Die erste Kuppel gehörte zum Entwurf vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts: Sie galt als technische Neuerung, und man rechnete damit, dass sie den Räumen Licht geben würde. Nach dem Krieg wurde die beschädigte Konstruktion abgerissen, und die heutige entstand beim Umbau des Gebäudes für das Parlament, das nach Berlin zurückgekehrt war. Der Platz vor dem Gebäude wechselte mehrmals seinen Namen; erst im Jahr neunzehnhundertachtundvierzig gaben ihm Bezirksverordnete den heutigen wieder.
Am neunten November neunzehnhundertachtzehn verließ Philipp Scheidemann sein Mittagessen in der Kantine des Reichstagsgebäudes und eilte zu einem Fenster an der Westfassade. So beschrieb er das Geschehen später in seinen Memoiren; die Einzelheiten des Mittagessens und des anschließenden Gesprächs sind nur aus seinen Erinnerungen bekannt. Unzweifelhaft ist etwas anderes: Gegen zwei Uhr nachmittags hielt er von hier aus eine Rede vor den Menschen, die den Platz füllten.
Vor seiner politischen Laufbahn verdiente Scheidemann seinen Lebensunterhalt als Schriftsetzer und Redakteur sozialdemokratischer Zeitungen. An diesem Tag gehörte er dem Reichstag bereits seit fünfzehn Jahren an, führte die sozialdemokratische Fraktion und war erst seit einem Monat Staatssekretär – einer der ersten Sozialdemokraten, die zur Regierung des Deutschen Kaiserreichs zugelassen worden waren. Nun wollte er ohne die Zustimmung der eigenen Parteiführung handeln.
Deutschland verlor den Ersten Weltkrieg. In den Städten mangelte es an Lebensmitteln, der Aufstand der Matrosen hatte sich von Kiel aus über das Land ausgebreitet, und in Berlin hatte ein Generalstreik begonnen. Soldaten schlossen sich den Demonstrierenden an. Sie bewegten sich zwischen dem Kaiserpalast, Regierungsstellen und dem Reichstag – dem Parlament des Deutschen Kaiserreichs.
Kaiser Wilhelm II. befand sich im Großen Hauptquartier und erklärte sich nicht zur Abdankung bereit. Reichskanzler Max von Baden verkündete, um den Zerfall des Staates aufzuhalten, selbst die Abdankung des Monarchen und übergab das Amt des Reichskanzlers an Friedrich Ebert. Ebert, der Vorsitzende der Sozialdemokraten, wollte eine handlungsfähige Verwaltung bewahren und eine gewählte Verfassunggebende Nationalversammlung einberufen. Ob Deutschland Monarchie blieb oder Republik wurde, sollten die Abgeordneten entscheiden.
Scheidemann erfuhr, dass Karl Liebknecht, der Führer des revolutionären Spartakusbundes, eine sozialistische Räterepublik auszurufen beabsichtigte. Liebknecht strebte nach der Übertragung der Herrschaft an Arbeiter- und Soldatenräte nach dem Vorbild der russischen Revolution. Scheidemann wollte ihm zuvorkommen und einen anderen Weg festschreiben – eine parlamentarische Republik mit allgemeinen Wahlen.
Vor dem Reichstagsgebäude standen auf dem Platz, der damals Königsplatz hieß, Arbeiter und Soldaten mit roten Fahnen. Scheidemann trat ans Fenster und beendete seine kurze improvisierte Rede mit den Worten: „Es lebe die Deutsche Republik!“
Der genaue Wortlaut der Rede lässt sich nicht feststellen: Die erhaltenen Fassungen widersprechen einander, und die bekannte Tonaufnahme nahm Scheidemann selbst erst einige Jahre später auf. Seine Worte hatten für sich genommen keine Gesetzeskraft. Doch sie machten jene Entscheidung öffentlich zunichte, die Ebert der künftigen Versammlung vorbehalten wollte. Ebert geriet in Wut: Ein Parteigenosse hatte ohne Absprache die Republik ausgerufen und ihn vor vollendete Tatsachen gestellt.
Zwei Stunden später rief Liebknecht beim Kaiserpalast dennoch eine freie sozialistische Republik aus. Am folgenden Tag traten Ebert und Scheidemann der provisorischen Regierung bei – dem Rat der Volksbeauftragten. Im Dezember unterstützte ein Kongress der Vertreter der Arbeiter- und Soldatenräte mit überwältigender Mehrheit die Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung. Der Vorschlag von Liebknechts Anhängern für eine Räterepublik erhielt keine Mehrheit.
Im Januar neunzehnhundertneunzehn fanden landesweite Wahlen statt, erstmals unter Beteiligung von Frauen. Die Verfassunggebende Nationalversammlung tagte in Weimar, weil in Berlin weiterhin bewaffnete Auseinandersetzungen andauerten. Ebert wurde der erste Präsident der Republik, und Scheidemann führte ihre erste Regierung, die sich auf die Wahlergebnisse stützte.
Im Jahr neunzehnhundertsechsundzwanzig ersetzte das Berliner Stadtparlament den Namen „Königsplatz“ durch „Platz der Republik“. Die Nationalsozialisten führten den früheren Namen im Jahr neunzehnhundertdreiunddreißig wieder ein, und Bezirksverordnete stellten den Namen „Platz der Republik“ im Jahr neunzehnhundertachtundvierzig wieder her.
Heute tagt im Inneren des Reichstagsgebäudes der Deutsche Bundestag, die Adresse des Gebäudes lautet Platz der Republik, Haus Nummer eins, und entlang der Südfassade verläuft die Scheidemannstraße. Die offizielle Erinnerung verbindet seine Rede mit dem zweiten Fenster nördlich des Mittelportikus. Ein authentisches Foto der Rede gibt es nicht; deshalb zeigt das Fenster den Ort, mit dem die erhaltene Erzählung später verbunden wurde.
Praktisch vor Ort
Der Platz ist von außen zugänglich; für die Kuppel und die Terrasse des Reichstagsgebäudes sind eine vorherige Anmeldung erforderlich, und sie hängen von aktuellen Schließungen beziehungsweise der Zulassung durch den Deutschen Bundestag ab.
Geprüft: 28. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.Die Erzählung ist für die Besichtigung vom Platz aus gedacht. Der Besuch des Gebäudes und der Kuppel erfordert eine gesonderte Vorbereitung und gehört nicht zum verpflichtenden Teil des Halts.
