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Fenster des Gedenkens

Ein persönliches Schicksal zeigt, wie ein Mensch zunächst aus der Stadt und dann aus dem offiziellen Gedächtnis verschwinden konnte.

15 Min.
Gedenkstätte Berliner Mauer – Fenster des Gedenkens
Ansgar Koreng · CC BY 3.0 de; cropped/resized for app
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Schau dich zuerst um

Worauf achten

  • Stahlwand mit Fotografien
  • Eingravierte Namen und Daten
  • Leere Felder
  • Platte „einem unbekannten Opfer der Mauer“

Die Geschichte des Ortes

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Auf dem ehemaligen Gelände des Sophien-Friedhofs II richtete man nach der Teilung der Stadt einen gesicherten Grenzstreifen ein. Entlang des Gehwegs steht eine Stahlwand mit Porträts von Menschen, die an der Berliner Mauer starben, und unter den Bildern sind Namen und Lebensjahre eingraviert. Leere Felder blieben für Menschen, deren Fotografien noch nicht gefunden wurden, und für diejenigen, deren Namen die Forscher noch feststellen müssen. Daneben ist eine alte Platte ins Pflaster eingelassen, auf der der Tote als Unbekannter bezeichnet wird.

Am vierten September neunzehnhundertzweiundsechzig kam der vierzigjährige Ernst Mundt mit dem Fahrrad hierher. Der ehemalige Tischler konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten, lebte allein in einer Einzimmerwohnung im Prenzlauer Berg und bezog eine Invalidenrente. Seine Mutter und andere Verwandte befanden sich in West-Berlin. Nach dem Bau der Mauer konnte er sie nicht treffen; seine Mutter unterstützte ihren Sohn mit Paketen mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs.

Mundt wollte die Grenze überqueren. Warum er sich gerade an diesem Tag dazu entschloss, ist selbst aus den Unterlagen der späteren Ermittlungen nicht bekannt. Die Nachbarn konnten nur berichten, dass er die Schließung der Grenze offen verurteilt hatte.

In der Bergstraße versperrte Stacheldraht die Straße. Mundt ließ sein Fahrrad zurück, kletterte auf den Zaun des Sophien-Friedhofs II und ging auf dessen oberem Rand zur Bernauer Straße. Die Mauerkrone war mit Glasscherben übersät. Unten lagen Gräber, zwischen ihnen patrouillierten Grenzer: Nach der Teilung der Stadt war ein gewöhnlicher Gemeindefriedhof Teil des gesicherten Streifens geworden.

Besucher und Wachposten forderten Mundt auf, herunterzukommen. Er ging weiter. Etwa hundert Meter von hier entfernt hatten zwei Angehörige der Transportpolizei der DDR Dienst – einer bewaffneten Einheit, die Eisenbahnanlagen und die Grenze nahe dem Nordbahnhof bewachte. Einer von ihnen schoss zunächst in die Luft und zielte dann auf den Flüchtling. Die Kugel traf Mundt am Kopf. Er stürzte vom Zaun auf die Friedhofsseite und starb noch am Ort.

Seine Schirmmütze flog über die Grenze und fiel in West-Berlin zu Boden. Kriminalisten fanden daran Spuren einer Schussverletzung. Sie war der einzige Gegenstand, anhand dessen Menschen auf der Westseite beurteilen konnten, was geschehen war: Die Grenzer trugen den Leichnam schnell fort, bevor Polizei und Journalisten sich dem Ort nähern konnten.

Mundts Mutter schickte Anfragen, erhielt jedoch keine Antwort. Die ostberliner Verwandten erfuhren nur, dass der Getötete wahrscheinlich Ernst gewesen sei. Daraufhin kam sein jüngerer Bruder aus Krefeld und erreichte ein Treffen mit dem Staatsanwalt. Man teilte ihm mit, Mundt sei bei einer „Grenzprovokation“ verletzt worden und gestorben. Zu diesem Zeitpunkt hatten Mitarbeiter der Staatssicherheit bereits angeordnet, den Leichnam einzuäschern und die Urne namenlos auf dem Friedhof Baumschulenweg beizusetzen.

Der Schütze wurde noch am selben Tag mit einer Medaille und einer Geldprämie ausgezeichnet. Zweiunddreißig Jahre später befand ein Berliner Gericht ihn der fahrlässigen Tötung für schuldig und verhängte zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Auf dem westlichen Gehweg stellte man damals ein Kreuz für einen Menschen auf, dessen Namen die Zeugen noch nicht kannten. Später setzte man eine Platte mit den Worten „einem unbekannten Opfer der Mauer“ und dem Todesdatum ins Pflaster ein. Die Platte blieb hier, auch nachdem Dokumente die Feststellung ermöglicht hatten, dass der Tote Ernst Mundt hieß.

Daneben befindet sich das „Fenster des Gedenkens“. In eine Stahlwand sind Fotografien von Menschen eingelassen, die an der Berliner Mauer starben; unter den Porträts sind Namen und Lebensdaten eingraviert. Leere Felder blieben für jene, deren Fotografien nicht gefunden werden konnten, und für Namen, die Forscher noch feststellen können. Das Denkmal wurde auf dem ehemaligen Gelände des Sophien-Friedhofs II errichtet, wo die Grenze verlief und Mundt getötet wurde. Im Stahl befinden sich nun sein Gesicht und sein Name, während die frühere Platte unter den Füßen ihn weiterhin als Unbekannten bezeichnet.

Praktisch vor Ort

Zeit am Ort15 Min.
Nächster PunktDokumentationszentrum und Aussichtsplattform
Eintrittvon außen

Der Außenbereich der Gedenkstätte ist täglich 08:00-22:00 zugänglich; die Details des Fensters des Gedenkens lassen sich bei Tageslicht besser lesen.

Geprüft: 28. Juni 2026. Prüfe vor dem Besuch die offizielle Quelle.

Betrachten Sie das Denkmal in Ruhe und verdecken Sie die Porträts nicht für andere Besucher. Persönliche Zeichen, die an der Wand hinterlassen wurden, sollten besser nicht bewegt werden.

Nächster Schritt

Wie weiter?

Gehen Sie auf die gegenüberliegende Straßenseite und nähern Sie sich dem Gebäude mit der hohen Aussichtsplattform.

Stopp 3 von 7Weiter: Dokumentationszentrum und Aussichtsplattform

Route beendet

Spaziergang abgeschlossen

„Berliner Mauer an der Bernauer Straße“ — 7 Stopps, etwa 2 km, etwa 2–3 Std..

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